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  • Cover Dynamisch Bewegen: een bewegingsmodel
    Dynamisch Bewegen: een bewegingsmodel

Dynamisch Bewegen: ein Bewegungsmodell

Das menschliche Bewegungssystem als dynamisches System

Sabine Kern • Boek • paperback

  • Samenvatting
    In diesem Buch mit dem darin beschriebenen Bewegungsmodell Dynamisch Bewegen® zeigt die Autorin eine radikal andere Sichtweise über das menschliche Bewegungssystem auf. Eine Sichtweise, die nicht so sehr von der üblichen Perspektive der Einzelteile des Systems (Muskeln, Knochen und Gelenke) ausgeht. Das Hauptaugenmerk von Dynamisch Bewegen® liegt auf der kontinuierlichen Wechselwirkung und dem Zusammenhang der Einzelteile innerhalb des ganzen dynamischen Systems "Mensch" sowie deren Beziehung zu den Kräften, die darauf einwirken. In der ausführlichen theoretischen Einleitung werden die relevanten wissenschaftlichen Hintergründe und Konzepte beschrieben. Im zweiten Teil des Buches folgt eine konkrete Beschreibung der Funktion und Anwendung dieser Prinzipien im Bereich der menschlichen Bewegungskoordination. Die Erklärungen werden mit deutlichen Illustrationen unterstützt.

    Die Autorin greift in der Entwicklung und Erläuterung ihrer Methode auf ihre umfangreiche Erfahrung als Physiotherapeutin zurück. Sie arbeitete über Jahre hinweg mit Menschen, die unter den unterschiedlichsten Bewegungsproblemen und -einschränkungen litten; von schwerst mehrfachbehinderten Kindern und Erwachsenen bis hin zu Sportlern mit spezifischen Bewegungsfragen, von zu früh geborenen Kindern bis hin zu Senioren. Das Bewegungsmodell Dynamisch Bewegen® hat sich dabei in der Praxis als wertvoller Ansatz bewiesen. Es geht nicht von Einzelproblemen und deren Lösung aus, sondern versucht, die grundliegende Bewegungsproblematik zu lösen und die Menschen wieder in Kontakt mit den vollen Möglichkeiten ihres individuellen Bewegungssystems zu bringen. Möglichkeiten, die mit genügend Verständnis für das System für jeden zugänglich sind oder mit der richtigen Begleitung wieder zugänglich gemacht werden können.
  • Productinformatie
    Binding : Paperback
    Distributievorm : Boek (print, druk)
    Formaat : 190mm x 267mm
    Aantal pagina's : 407
    Uitgeverij : Dynamisch Bewegen
    ISBN : 9789082932003
    Datum publicatie : 12-2018
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Fragment

Einleitung

Wo auch immer wir auf der Welt sind, sehen wir, dass Menschen überall auf die gleiche Weise gehen. Wir beginnen alle am selben Punkt: als befruchtete Eizelle. Nach der Geburt folgt eine Entwicklungsphase, in der jeder Mensch lernen kann, sein Bewegungssystem sinnvoll zu verwenden. Die motorische Entwicklung beginnt immer beim Kopf, die Füße sind die letzten Körperteile, die im Prozess der Aufrichtung schließlich auf dem Boden zu stehen kommen. Welche organisierenden Prinzipien sind hier an der Arbeit? Wie kommt es, dass menschliche Lebewesen trotz so vieler verschiedenen Möglichkeiten jedes Mal beim selben Bewegungsmuster landen?

Esther Thelen (2002, 339) formulierte es so: “Um die Funktionsweise der Motorik zu verstehen, muss man sich eine fundamentale Frage stellen, nämlich, wie ein System funktioniert, das aus sehr vielen unabhängigen Einzelteilen besteht - Muskelpartien, Gelenke, neuronale Elemente, etc.- und wie diese unabhängigen Einzelteile zu einer koordinierten Bewegung mit präzisen räumlichen und zeitlichen Mustern verdichtet werden.‟

1.1 Die dynamische System-Perspektive
Wenn die motorische Entwicklung ein in den Strukturen festgelegter Ablauf ist, warum haben dann in der westlichen Welt immer mehr Menschen Probleme mit ihrem Bewegungssystem? Gerade in einer Zeit, wo wir in zunehmendem Ausmaß mehr als genügend Nahrung und eine fortschrittliche Gesundheitsvorsorge und -versorgung zur Verfügung haben und viel weniger schwere Körperarbeit leisten müssen, scheint dies eine eigenartige Entwicklung zu sein.
Wir kennen das Resultat der menschlichen Entwicklung. Evolutionär ist es die Entwicklung vom Vierfüßler zum Zweibeiner mit einem großen Gehirn, ontogenetisch ist es die von einer befruchteten Eizelle zum Erwachsenen. Die Frage ist, wie die aufeinander-folgenden Schritte in der evolutionären Entwicklung zur heutigen Situation geführt haben. Unbewusst gehen wir an diese Frage über die Entwicklungen in der Vergangenheit mit dem Wissen und der Denkweise von jetzt heran (Gleick 2011, 29). Die Selbstverständlichkeit, dass wir bestimmte Fähigkeiten zur Verfügung haben, schränkt die Gedanken über das evolutionäre und ontogenetische Entstehen dieser Fähigkeiten oft ein.

Wenn wir unter Problemen mit dem motorischen System leiden, ist die Suche nach Antworten und Lösungen heute oft auf das Identifizieren der Strukturen gerichtet, die für die sichtbaren Probleme verantwortlich sind. Aber auf diesem Weg können die nötigen Antworten nicht gefunden werden. Der Mensch ist ein biologischer Organismus und dieser funktioniert wie ein dynamisches System. Die Arbeitsweise solch dynamischer Systeme zeigt, dass Strukturen keine vorausgesetzten, fixen Gegebenheiten sind, sondern durch die Wechselwirkung zwischen den Teilen des Systems entstehen. Die Information für das Formen von Strukturen befindet sich in der Wechselwirkung, also in den Prozessen. Dynamische Systeme durchlaufen eine Entwicklung und der Kontext hat Einfluss auf das Resultat. Die Vergangenheit beeinflusst den Zustand im Hier und Jetzt. Ferner kann mit der dynamischen Systemperspektive die Bewegungskoordination des Menschen durch Selbstorganisation, Musterbildung und Emergenz erklärt werden. Dieses Buch richtet sich darum auf die Arbeitsweise von dynamischen Systemen im Allgemeinen und das menschliche Bewegungssystem im Besonderen.

Gleichzeitig verdeutlicht die dynamische Systemperspektive, dass Körper und Gehirn nicht ohneeinander bestehen können. Auf dem Untersuchungsgebiet der künstlichen Intelligenz (artificial intelligence) gibt es neuere Entwicklungen, welche die Signifikanz der Verkörperung (embodiment) beschreiben. Das Vorhandensein eines Körpers ist eine Voraussetzung für jede Form von intelligentem Leben. Pfeifer et al. (2007, 18-20) benennen die folgenden Punkte, die die Signifikanz der Verkörperung deutlich machen:

• Ein System mit einem Körper ist der Wirkung der Naturgesetze unterworfen und muss sich mit der Schwerkraft, der Reibung und dem Aufnehmen von Energie beschäftigen. Die Bedeutung der Verkörperung entsteht aus der Wechselwirkung zwischen den physischen Prozessen und den Informationsprozessen, die im Körper stattfinden. Bei biologischen Organismen ist es die Wechselwirkung zwischen der physischen Aktivität in einer Umgebung, welche diese beeinflusst, und neuralen Prozessen.
• Verkörperung ermöglicht Kognition oder Denken. Das ist für jede Form von Intelligenz eine Voraussetzung. Der Körper ist nicht etwas Lästiges, das nur das Gehirn herumträgt, sondern notwendig für (das Entstehen von) Kognition.
• Viele Aufgaben werden viel einfacher, wenn man die Möglichkeiten des vorhandenen Körpers einkalkuliert. Zum Beispiel: das Greifen von Objekten braucht viel weniger neurale Kontrolle, wenn man die Eigenschaften der Hand und Finger mit einbezieht: das weiche, verformbare Gewebe der Fingerkuppen erleichtert das Aufheben eines Glases um vieles. Die morphologischen und materiellen Eigen-schaften der Hand machen einen Teil der neuralen Kontrolle überflüssig.
• Wenn die sensorischen Rezeptoren eines Organismus so angeordnet sind, dass durch ihre Position auf dem Körper bereits eine bestimmte Vorverarbeitung der hereinkommenden Reize stattfindet, ist das Ergebnis eine Verteilung der Informationsverarbeitung zwischen Peripherie und Gehirn (geteilte Arbeit ist die halbe Arbeit). Die sensorischen Rezeptoren können durch ihre Anordnung dem neuralen System die Hälfte der Arbeit abnehmen.
• Wenn die materiellen Eigenschaften des Muskel-Sehnen-Systems eines Organismus benützt werden, können schnelle Bewegungen ziemlich einfach erreicht werden, auch wenn das neurale System zu langsam ist, um alle Details der Bewegung zu kontrollieren – wie zum Beispiel beim Rennen.
• Durch die physische Interaktion mit der Umgebung werden informative und korrelierende sensorische Signale in verschiedenen sensorischen Systemen generiert. Dieselben Signale liegen an der Basis von intelligenter Aktivität. Die Verarbeitung der generierten Signale und die Aktivität, die der Organismus aufgrund der Information zeigt (Verhalten) sind wichtige Faktoren in der Wechselwirkung zwischen Organismus und Umgebung.

Die oben angeführte Beschreibung stimmt nicht mit der vorherrschenden Annahme überein, dass das Gehirn den Körper kontrolliert, sondern mit der Sichtweise über die evolutionäre und ontogenetische Entwicklung des Menschen. In diesem Buch sind verschiedene Beispiele aufgenommen, welche die Beziehung zwischen Bewegungs-erfahrung, Kontext und der Entwicklung von motorischen und kognitiven Fähigkeiten aufzeigen. Dieser Zusammenhang wird in den folgenden Kapiteln beschrieben. Die in diesem Buch aufgenommene Information aus verschiedenen Fachgebieten wird deutlich machen, wie die Arbeitsweise eines dynamischen Systems zu den Fähigkeiten komplexer Organismen führen kann.

1.2 Bewegungsmodell Dynamisch Bewegen®
Das Bewegungsmodell Dynamisch Bewegen® ist eine konkrete Beschreibung der mensch-lichen Bewegungskoordination auf dem Niveau der Musterbildung und dem daraus hervorgehenden Resultat in der Form der funktionellen Bewegungskoordination. Das Modell beschreibt die Bewegungskoordination aus der Sichtweise, wie sie aufgrund der menschlichen Physiologie und Anatomie sein sollte; im Gegenzug zu herkömmlichen Methoden, die sich dem Durchschnitt der menschlichen - oftmals unbewusst falsch eingelernten - Bewegungsabläufe anpassen.

Durch meine Arbeit als Physiotherapeutin mit unterschiedlichsten Zielgruppen (Menschen mit orthopädischen und neurologischen Erkrankungen, Kinder und Erwachsene mit mehrfachen Behinderungen, Frühgeborene und Senioren) konnte ich eine Arbeitsweise entwickeln, die auf der Sichtweise begründet ist, dass der Mensch ein biologischer Organismus ist und als ein dynamisches System funktioniert.

Bei dynamischen Systemen ist das globale Verhalten des Ganzen eine emergente Eigenschaft des nicht-linearen Verhaltens der Details. Durch die Veränderungen der Details kann sich das globale Verhalten verändern. Die Information, wie das zustande kommt, ist durch die Beobachtung von einzelnen Individuen zu finden und nicht in den Durchschnittswerten einer Gruppe (Kelso 1995, 185). Die meiste Information über diese Prozesse liegt in der Beobachtung von Extremfällen verborgen, wie zum Beispiel im direkten Vergleich des Bewegungsverhaltens eines Menschen mit schweren mehrfachen Behinderungen und eines Meisters im Shaolin Kung Fu.

Bei meiner Arbeit als Physiotherapeutin mit Zielgruppen, die sich hinsichtlich ihrer Möglichkeiten im Randbereich des Bewegungsspektrums befanden, bekam ich vergleich-bare Informationen. Diese führten schlussendlich zur Entwicklung des Bewegungsmodells Dynamisch Bewegen®. Dieses Bewegungsmodell kombiniert theoretisches Wissen über funktionelle Bewegungskoordination, die Koordinationsdynamik, mit der Möglichkeit, dieses Wissen in die Praxis umzusetzen. Das Modell zeigt nicht nur, wie Probleme entstehen, sondern auch, wie sie gelöst werden können. Das Wissen über dynamische Systeme und ihre Eigenschaften ist dabei ein wichtiger Schlüssel. Mit diesem Bewegungsmodell zu arbeiten, ist nicht an ein bestimmtes Niveau an Bewegungsfähigkeit gebunden und darum für die unterschiedlichsten Zielgruppen geeignet.

1.2.1 Hintergründe des Bewegungsmodells Dynamisch Bewegen®
Meine Begegnung mit dem Bewegungskonzept Spiraldynamik® im Jahr 1990 bot mir zum ersten Mal einen anderen Zugang zum Begreifen der Bewegungsdynamik. Das Bedürfnis nach Weiterentwicklung und Veränderung verspürte ich schon zu Anfang meiner Arbeit als Physiotherapeutin (1987). Für mich klaffte bis dahin eine große Lücke zwischen dem gelernten Wissen und den in der Praxis gesammelten Erfahrungen. Spiraldynamik® ist eine Fortsetzung von ‘La coordination motrice’ von Susan Piret und Marie-Madeleine Béziers, zwei französischen Physiotherapeutinnen. Sie waren die ersten, die die Koordination des menschlichen Bewegungssystems ausgehend von Prinzipien beschrieben. Ihr Verdienst war es, die Türe zu einer neuen Denkweise über die menschliche Motorik zu öffnen: Bewegen basiert nicht alleine auf dem psychomotorischen Niveau (Belebung), auch die Strukturen des Bewegungssystems sind ein wichtiger Unterteil der Motorik. Sie verändern den Fokus der Therapie und richten ihn auf das Zusammenspiel zwischen den Teilen, anstatt auf das Üben mit Einzelteilen. Piret und Bézier haben ihre Erkenntnisse 1971 in Buchform publiziert.
Spiraldynamik® basiert auf derselben Denkweise. Die Gründer dieses Bewegungs-konzeptes sind Dr. Christian Larsen, ein Schweizer Arzt, und Yolande Deswarte, eine französische Physiotherapeutin, die mit Piret und Béziers zusammengearbeitet hat. Vor allem die Einführung von Begriffen wie Spiegel- und Achsensymmetrie bei der Bewegungskoordination sind wichtige Schritte für die Beschreibung von Mustern in der Bewegungskoordination.

Weitere wichtige Faktoren beim Zustandekommen des Bewegungsmodells Dynamisch Bewegen® war die Auseinandersetzung mit der Chaostheorie, der Komplexitätstheorie und der Arbeitsweise von dynamischen Systemen. Auch die Arbeiten von Kelso (1995, 2006) und Von Holst (1973) bilden wichtige Informationsquellen. Die beiden beschäftigen sich (bzw. beschäftigten sich, Von Holst ist 1962 verstorben) mit der Forschung darüber, wie Menschen und Tiere koordiniertes und komplexes Verhalten zeigen können. Beide untersuchten das Phänomen Koordination in verschiedenen Experimenten, Kelso arbeitet bis heute an diesem Thema.
Die Arbeit von Thelen und Smith (1994) lieferte ebenso einen großen Beitrag zum theoretischen Hintergrund des Bewegungsmodells. Sie haben die Theorie von dynamischen Systemen auf die Entwicklung von Motorik und Kognition angewendet und beschäftigen (bzw. beschäftigten, Esther Thelen ist 2004 verstorben) sich mit der fundamentalen Forschung nach den Grundvoraussetzungen für Musterformung in Bezug auf die Motorik des Menschen.
‘La Coordination Motrice’ und Spiraldynamik® beschreiben und arbeiten auf dem Niveau der Muster. Die fundamentale Forschung von - unter anderem - Kelso, Von Holst und Thelen basiert auf jener Ebene, auf der die Muster entstehen.

1.2.2 Implikationen für die Praxis
Einer der großen Fallstricke bei Bewegungskoordination ist die Annahme, dass es von vornherein vorgegebene Programme oder Strukturen gibt, die für die Bewegungs-koordination verantwortlich sind. Der Großteil aller Menschen (Ausnahmen sind zum Beispiel Menschen, die mit einer Behinderung geboren sind) durchläuft innerhalb einer bestimmten Periode motorische Meilensteine und zeigt letztendlich ein übereinstimmendes Gehmuster. Aber das frequente Auftreten dieser Ereignisse bestätigt noch nicht, dass es ein fixierter Ablauf ist (Oyama 2000, 107). Eine Folge dieser Fehlinterpretation ist die Annahme, dass der Prozess schwierig zu verändern bzw. zu beeinflussen ist. Aus der Perspektive eines dynamischen Systems sind beide Implikationen nicht korrekt.
Esther Thelen warnte schon vor vielen Jahren, dass Theorien, die auf künstlich geschaffenen Einzelaspekten, theoretischem Reduktionismus und nicht verkörperter Kognition gegründet sind, schlussendlich dabei versagen werden, Veränderungen zu erklären (Galloway 2005, 105). Derartige Annahmen bremsen oder stoppen die mögliche Suche nach Aspekten der Entwicklung, die mit Prozessen zusammenhängen.

Aus der Perspektive der Dynamischen Systemtheorie, wie sie von Thelen und Smith 1994 ausgearbeitet wurde, sind Entwicklung, Bewegungskoordination und Wissen Muster von Aktivität in einer Zeitspanne und nicht in einer Struktur. Das Thema Bewegungs-koordination als Manifestation eines dynamischen Systems zu sehen, bietet die Möglichkeit, eine Erklärung für das universelle Bewegungsverhalten (alle Menschen auf der Welt gehen in übereinstimmender Weise auf zwei Beinen) zu finden, ohne dass dieses in einer Struktur festgelegt ist. Dieses Herangehen verspricht regelartiges Verhalten ohne Regeln und globale Ordnung ohne Design (Thelen und Smith 1994, 39).

Die heutige Medizin beschäftigt sich in Bezug auf das Bewegungssystem vor allem mit der Suche nach Standardlösungen, die in Protokollen und Richtlinien zu finden sind. Dabei hat lineares und mechanistisches Denken die Überhand. Es ist eine Suche nach einer Form des Gleichgewichtes und einer Stabilität, die in der Natur nicht zu finden ist. Der größte Teil der Wirklichkeit ist nicht geordnet, stabil und im Gleichgewicht, sondern brodelnd und siedend durch Veränderungen und Unordnung und ständig auftretende Prozesse (Prigogine und Stengers 1984, 13). Es wird sich herausstellen, dass gerade diese Eigenschaften, das aus dem Gleichgewicht sein, die Nicht-Linearität und das Nicht-Vorhersagbare jene Faktoren sind, die Leben, Variation, Komplexität und Bewegungskoordination möglich machen.

Um herauszufinden, wie der Prozess der motorischen Entwicklung stattfindet, ist das Wissen über Nicht-Linearität ebenso notwendig wie für das Lösen von Bewegungs-problemen. Einige Beispiele können dies verdeutlichen. Eine verstärkte Kyphose (Beugung der Wirbelsäule), eine Lordose (Überstreckung der Wirbelsäule) oder eine Skoliose (Verkrümmung der Wirbelsäule um alle drei Achsen) lösen sich nicht durch einfache Gegenbewegungen. Ein Plattfuß wird nicht durch das aktive Hochziehen des Fußinnen-randes gelöst, weil dies nicht in Übereinstimmung mit dem Entstehungsprozess ist. Die Dynamik, durch die ein Hallux valgus (schiefe Großzehe) entsteht, verändert sich nicht, wenn die Zehe mit einem Hilfsmittel gerade gehalten oder bei einer Operation ein Stück Knochen weggenommen und die Zehe wieder gerade zusammengesetzt wird. Viele solcher Lösungen (wahrscheinlich die Mehrheit und sicher die hier genannten) haben eine negative Auswirkung auf die Bewegungskoordination. Alle Maßnahmen, die mit Fixierung oder mit dem Wegnehmen von Teilen zusammenhängen, arbeiten gegen die natürliche Dynamik der menschlichen Bewegungskoordination, die auf Beweglichkeit und Wechselwirkung zwischen den Teilen basiert. Dynamische Systeme zeigen durch ihre Arbeitsweise, dass lokale Probleme mit dem Bewegungssystem keine isolierten Phänomene sind, sondern aus dem ganzen System hervorgehen und auch auf dessen Funktionieren entsprechenden Einfluss haben.

Das Bild, das wir über das menschliche Bewegungssystem formen, ist die Basis, wie wir damit umgehen und was wir darüber denken, was und wie viel möglich ist. Es sind zwei Veränderungen in der Denkweise nötig, um mit dem Bewegungsmodell Dynamisch Bewegen® effektiv arbeiten zu können. Eine Veränderung besteht darin, den Menschen als biologischen Organismus zu sehen, die andere, Motorik aus der Perspektive von dynamischen Systemen zu beleuchten. Durch die Sichtweise, wie dynamische Systeme funktionieren, werden einige Aspekte der Bewegungskoordination deutlich, die viel Veränderungs- bzw. Verbesserungspotential bieten, wenn es Probleme mit dem Bewegen gibt. Es betrifft vor allem Prozesse der Entwicklung (evolutionär und ontogenetisch) und Bewegungskoordination. Dabei geht es unter anderem um:

• Selbstorganisation und Emergenz: Wenn wir wissen, dass neue Fähigkeiten aus der Wechselwirkung der Teile hervorgehen und nicht aus einer Struktur, dann öffnet dies viele Möglichkeiten für Prävention und Therapie. Koordination entsteht durch die gegenseitigen Beziehungen der sich bewegenden Teile und nicht aus einem Plan. Bewegungskoordination ist emergent. Gleichzeitig gibt es keine Einschränkungen in Bezug auf das Niveau der Bewegungsmöglichkeiten, um Entwicklung in Gang zu setzen.
• Einfluss der Bewegungsqualität auf Strukturen: Die Wechselwirkung zwischen der Qualität der Bewegungskoordination und der Qualität und Flexibilität von Strukturen ist groß. Durch das Wissen, wie dies zustande kommt, ist es möglich, positiven Einfluss auszuüben.
• Die Möglichkeit, Probleme, die im Zusammenhang mit dem Entwicklungsprozess stehen, im Bewegungssystem zu lösen: Jeder Schritt in der Entwicklung beinhaltet wichtige Information für den nächsten Schritt. Die Qualität dieser Information beeinflusst die weitere Entwicklung. Die Qualität hat auch Einfluss darauf, mit welcher Wahrscheinlichkeit Beschwerden am Bewegungssystem beim Älterwerden entstehen. Ein Beispiel hierfür ist die Möglichkeit, mit der Denkweise des Beweg-ungsmodells Dynamisch Bewegen® die Ätiologie (Ursache) der sogenannten idiopathischen Skoliose zu beschreiben, zu verhindern und schon bestehende Skoliosen auch nach vielen Jahren wieder in Bewegung zu bringen.

Die Wichtigkeit der Verkörperung (embodiment) beinhaltet auch Implikationen für die Praxis. Motorische Aktivität, Perzeption und Kognition sind eng miteinander verbunden. Es gibt im Prinzip keinen Unterschied zwischen den Prozessen, die Gehen, Greifen und Objektpermanenz (wissen, dass ein Gegenstand noch da ist, auch wenn er nicht gesehen werden kann) zustande bringen und Prozessen, die Mathematik und Poesie hervorbringen (Thelen und Smith 1994, XXIII). Kognition ist eine emergente Eigenschaft, die durch die Wechselwirkung zwischen Körper und Umgebung entsteht.

Die Perspektive, dass der Körper die Voraussetzung für Kognition ist, kann für manche eine Motivation sein, das Funktionieren des Körpers näher zu betrachten und dafür zu sorgen, dass dieser qualitativ gut arbeiten kann. Ein flexibles Funktionieren der morpho-logischen Strukturen des menschlichen Körpers kann viel Platz für kognitive Abenteuer schaffen. Bewegungseinschränkungen und unelastische Muskeln sind hinderlich beim Ausführen von Tätigkeiten. Sie belasten die Strukturen und das neurale Netzwerk. Wenn wir uns eine Situation vorstellen, in der wir Schmerzen beim Bewegen haben, wird schnell deutlich, wie sehr ein nicht gut funktionierender Körper einen Menschen einschränkt und belastet. Selbst mit einem hohen Intelligenzquotienten (IQ) ist es nicht möglich, den Körper mit Gedanken in die gewünschte (schmerzfreie) Form und Fähigkeiten zu zwingen. Allein das Begreifen, wie Bewegung sich entwickelt, wie Strukturen funktionieren und wie das Ganze zusammenarbeitet, macht effiziente Veränderungsprozesse möglich.

Dynamisch Bewegen® ist kein Übungsprogramm, sondern eine Beschreibung von Prozessen. Um erfolgreich damit arbeiten zu können, ist es nötig, die Reihenfolge der evolutionären und ontogenetischen Entwicklung zu begreifen, mit einer bestehenden Situation vergleichen zu können und dann kreativ auf eine individuelle Situation anzu-wenden.

Dieses Buch ist zugleich ein Plädoyer für fachmännisches Können. Fachmännisches Können ist laut Sennett (2008, 9) ein langlebiger basaler menschlicher Impuls, ein Bedürfnis, eine Aufgabe allein um ihrer selbst willen gut auszuführen. Ihm zufolge beginnt jede Fähigkeit, wie abstrakt sie auch ist, mit körperlichen Übungen. Die Sachkenntnis wird über die Hand durch Berührung und Bewegung erworben. Sennett schreibt weiter: “Jede(r) gute(r) Fachfrau/Fachmann führt einen Dialog zwischen der konkreten Praxis und dem Denken; dieser Dialog entwickelt sich zu andauernden Gewohnheiten und diese Gewohnheiten formen einen Rhythmus zwischen dem Entdecken und dem Lösen von Problemen.” Wenn Hand und Kopf, Körper und Gehirn getrennt werden, werden sowohl das Begreifen als auch die praktischen Fähigkeiten untergraben.

Im täglichen Leben formen wir Hypothesen für das Lösen von Problemen. Gemäß Affolter (2004, 182-187) ist das Formen von Hypothesen über tägliche Ereignisse stark mit taktiler Information verbunden. Zum Aufstellen einer Hypothese ist es nötig, die Veränderungen in den topologischen Beziehungen (das heißt, die relative Position oder der relative Platz) in Bezug auf die Umgebung wahrzunehmen. Während der Entwicklung wird diese Information erst taktil gespeichert, später wird verbale und visuelle Information zugefügt.

Für das Arbeiten mit dem Bewegungssystem kann “begreifen” buchstäblich aufgefasst werden. Gerade durch das Berühren von Strukturen erhält man mehr Information über die Prozesse, die in den Strukturen stattfinden, als zum Beispiel allein mit visueller Information. Taktile Sinnesorgane geben viel sensitivere Informationen über kleine Ver-änderungen, als die Informationen, die über das visuelle System gesammelt werden. Dies ist sehr relevant, weil - wie sich zeigen wird - dynamische Systeme wie der Mensch in bestimmten Situationen sehr sensitiv für Veränderungen sind. Das Registrieren von mini-malen Veränderungen ist darum von großer Relevanz. Kleine Verschiebungen können große Folgen haben. Das Wort “können” zeigt allerdings auch, dass es nicht zwingend zu Folgen kommen muss. Durch die Arbeitsweise von dynamischen Systemen begegnen wir der Wahrscheinlichkeit. Die Zahl der möglichen Wechselwirkungen ist so groß, dass die zukünftigen Entwicklungen nicht mit Sicherheit bestimmt werden können.

Theoretisches Wissen über dynamische Systeme und vor allem die praktische Erfahrung helfen beim Einschätzen der wahrscheinlichen Entwicklungen. Taktile Information ist dabei von großem Wert. Neben der Information, die wir über das Angreifen von Strukturen gewinnen, geben wir gleichzeitig viel deutlichere sensorische Information an den Berührten, als allein verbal und visuell. Kleine Kinder und Personen mit perzeptiven Störungen benötigen oft taktile Information, um ein Problem zu lösen. Das Nicht-Lösen-Können eines Problems oder das Nicht-Ausführen-Können einer Aufgabe ist in einer solchen Situation die Folge ungenüg-ender Information, nicht ungenügender Kompetenz. ‘Hands on’ arbeiten kann somit die Effizienz der Therapie stark erhöhen.
Bei exzellenten Fachmenschen zeigt sich oft, das Wissen, das nicht explizit gemacht werden kann, verantwortlich ist für die Meisterschaft. Dieses stillschweigende Wissen (Sennett 2008, 94-96) scheint beim Arbeiten mit dem menschlichen Bewegungssystem vor allem mit dem Gewinnen und Interpretieren taktiler Information zu tun zu haben. Fachmännisches Können ist die Balance zwischen Denken und Handeln.

1.3 Der Aufbau diese Buches
Dieses Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil enthält die Theorie in Bezug auf dynamische Systeme, Koordinationsdynamik, Lernprozesse und therapeutische Möglichkeiten. Dieser Teil ist wie folgt aufgebaut. Zunächst folgt eine nähere Erläuterung des zentralen Themas des Buches, das menschliche Bewegungssystem als dynamisches System. Dann werden die relevanten theoretischen Hintergründe von dynamischen Systemen besprochen – die Art, die Vergangenheit (Evolution und Ontogenese) sowie der Kontext. Anschließend folgt eine Beschreibung der Koordinations-dynamik, die ebenfalls unter den drei Aspekten (Art, Vergangenheit und Kontext) beleuchtet wird. Zum Schluss wird die Verbindung zur praktischen Anwendung hergestellt:

Lern- und Veränderungsprozesse und die therapeutischen Möglichkeiten werden näher beschrieben.
Das letzte Kapitel integriert die Information aus allen vorhergehenden Kapiteln. Selbst wenn der Inhalt erst nach dem Lesen der vorhergehenden Kapitel einen vollständigen Sinn ergibt, wurde dieses letzte Kapitel so allgemein gehalten, dass es auch vor den anderen Kapiteln gelesen werden kann, um einen ersten Eindruck über die Perspektive, Reichweite und Möglichkeiten des Bewegungsmodells Dynamisch Bewegen® zu bekommen. Eine interessante Variante und wahrscheinlich gute Idee für Leser, die bereits zu Beginn einen globalen Eindruck haben möchten, wohin die Theorie der ersten Kapitel schlussendlich führt.

Der zweite Teil enthält die konkrete Beschreibung der Bewegungskoordination eines erwachsenen Menschen gemäß dem Modell. Die funktionelle Bewegungskoordination umfasst alle Bewegungen, die wir als Mensch benötigen, um ohne technische Hilfsmittel in der Natur überleben zu können. Zum Überleben sind ein paar Basisbewegungen nötig, wie das Fortbewegen, die Fingerfertigkeit, die Hand zum Mund-Bewegung und die Fähig-keit, verschiedene Körperhaltungen annehmen können. Für den Menschen ist die Fortbe-wegung auf zwei Beinen die höchste Form der funktionellen Bewegungskoordination. Diese wird als Vorbild für die Beschreibungen verwendet und formt die Basis für alle anderen Bewegungsformen, wie Tanz und andere Kunstformen der Bewegung.
Die Bewegungskonzepte ‘La Coordination Motrice’ von Piret en Béziers und Spiraldynamik® von Larsen und Deswarte haben vor allem die Form des zweiten Teils beeinflusst: die Beschreibung des menschlichen Bewegungssystems und der funktionellen Bewegungskoordination in Form von Koordinationseinheiten.

Das Bewegungsmodell Dynamisch Bewegen® ist und bleibt dynamisch. Neue Erkenntnis-se in Bezug auf das Bewegungssystem des Menschen werden in eventuellen zukünftigen Ausgaben des Buches verarbeitet. ×
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